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Aufgeschobene Zinswende

EZB-Chef Draghi sorgt weiter für Abwärtsdruck beim Baugeld

Sparer brauchen weiter Geduld. Die Europäische Zentralbank verschiebt die Zinswende erneut nach hinten. Wer eine Immobilienfinanzierung plant, kann sich hingegen freuen.
Die Europäische Zentralbank (EZB) hat die Leitzinsen wie erwartet bei null Prozent belassen. Was Marktteilnehmer allerdings nicht erwartet hatten: Dass EZB-Chef Mario Draghi bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr die Zinswende nach hinten verschiebt. Die Währungshüter wollen die Leitzinsen noch mindestens bis Mitte 2020 auf dem aktuellen Niveau halten.

Schon Anfang März hatte Draghi die Zinswende verschoben – und zwar von "mindestens über den Sommer" auf "mindestens bis Ende 2019". In der Folge gaben die Renditen von zehnjährigen Bundesanleihen deutlich nach und fielen erstmals seit Oktober 2016 in den negativen Bereich. Aktuell liegt die effektive Verzinsung auf einem Rekordtief von minus 0,23 Prozent. Und mit der erneuten Verschiebung der Zinswende dürfte der Abwärtsdruck weiter anhalten.

Zudem schließt Draghi eine weitere Lockerung der Geldpolitik nicht aus: "Die EZB ist bereit zu handeln bei ungünstigen Bedingungen." Die Klaviatur reicht dabei von einer Verschärfung des negativen Einlagenzinses (aktuell minus 0,4 Prozent) bis zur Wiederaufnahme des Anleihenkaufprogramms (sogenanntes Quantitative Easing). Der EZB-Rat habe mögliche Maßnahmen für einen Notfall diskutiert, sagte Draghi auf der Pressekonferenz im litauischen Vilnius.

Baugeldzinsen auf Tiefstand

Für Sparer ist die EZB-Politik Gift, für Kreditnehmer – insbesondere Häuslebauer – dagegen ein Segen. Denn die rückläufigen Renditen von zehnjährigen Bundesanleihen geben den Takt für die Bauzinsen vor, da die Kreditinstitute ihre Immobilienkredite überwiegend durch Pfandbriefe refinanzieren. Und für diese Papiere dient die zehnjährige Bundesanleihe als Benchmark.

Schon jetzt liegen die Bauzinsen bei allen Laufzeiten unter ihren Rekordtiefs von Oktober 2016. Laut Biallo-Baugeld-Index wird für einen Baukredit mit zehnjähriger Zinsbindung derzeit ein durchschnittlicher Effektivzins von 1,04 Prozent pro Jahr verlangt, für ein Darlehen mit 20-jähriger Laufzeit 1,64 Prozent pro Jahr. Zum Vergleich: Im Herbst 2018 lagen die jeweiligen Werte noch bei 1,43 beziehungsweise 2,07 Prozent.

Der Unterschied wird an folgendem Beispiel deutlich: Bei einem Kredit von 200.000 Euro mit zwanzigjähriger Zinsbindung und einer Anfangstilgung von 2,5 Prozent beträgt die Zinsersparnis über die vereinbarte Laufzeit fast 12.000 Euro.

Top-Anbieter mit deutlich weniger als einem Prozent Effektivzins

Die besten Anbieter im Baufinanzierungsvergleich von biallo.de bieten einen Abschlag von bis zu 40 Basispunkten zum Durchschnitt. Bei zehn Jahren liegen unter anderen die Degussa Bank (0,70 Prozent pro Jahr), Hypovereinsbank (0,73 Prozent pro Jahr) und DEVK (0,83 Prozent pro Jahr) vorn. Auch bei 20 Jahren führen die genannten Anbieter das Feld an – mit Zinsen ab 1,29 Prozent effektiv pro Jahr.

Sogenannte Volltilgerdarlehen gibt es über eine Laufzeit von 20 Jahren bei der Hypovereinsbank bereits ab 1,09 Prozent pro Jahr. Auf den weiteren Plätzen folgen DEVK (ab 1,36 Prozent), die Platzhirsche Allianz und Deutsche Bank (jeweils 1,38 Prozent pro Jahr) sowie Degussa Bank (1,40 Prozent).

Experten erwarten weiterhin niedrige Baugeldzinsen


"Das Zinsumfeld für einen Immobilienerwerb bleibt unverändert positiv. Wir gehen davon aus, dass dieses Jahr trotz geringerer Schwankungen die Baufinanzierungs-Zinsen weiterhin niedrig bleiben werden", sagt Bianca de Bruijn, Leiterin Baufinanzierung bei der ING.

Ähnlich äußert sich die Deutsche Bank: "Aktuell gehen wir davon aus, dass die deutsche Wirtschaft 2019 nur noch um 0,7 Prozent wachsen wird. Die Kapitalmarkt- und Hypothekenzinsen werden unserer Einschätzung nach niedrig bleiben", sagt Eva Grunwald, Leiterin Immobiliengeschäft bei der Deutschen Bank. Wenn überhaupt, dann erwartet die Expertin bis zum Jahresende hier "nur eine leichte Steigerung".

Zinsniveau für die Zukunft sichern

Häuslebauer sollten die Gunst der Stunde auf jeden Fall nutzen, zumal die Immobilienpreise weiter anziehen. "Wer sein Lieblingsobjekt in entsprechender Lage gefunden hat, sollte angesichts der extrem niedrigen Zinsen nicht mehr warten", sagt ING-Expertin de Brujin. Ratsam sei es auch, sich den extrem niedrigen Zins für eine möglichst lange Zeit zu sichern.

Kreditnehmer, deren Baufinanzierung in den nächsten 36 Monaten ausläuft, können sich das historisch niedrige Zinsniveau für die Anschlussfinanzierung über ein Forward-Darlehen sichern. Für Erst-Kreditnehmer eignet sich ein Volltilgerdarlehen. "Damit stehen Zins- und Tilgungsraten für die komplette Laufzeit fest und der Kunde weiß immer, wie hoch seine monatliche finanzielle Belastung ist", sagt Stefan Kohler, Fachbereichsleiter bei der Allianz Baufinanzierung.

Weitere Vorteile: Volltilgerdarlehen gewähren volle Planungssicherheit und schützen vor Zinsänderungsrisiken. Außerdem lassen sich solche Kredite mit Forward-Darlehen kombinieren.
von Sebastian Schick
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